Von Türsteher und Wachhunden

Liebe Blog-Lesende

 

„Systeme neigen immer zum Selbsterhalt." Diesem Zitat sind diejenigen schon begegnet, die an den Innovations-Workshops teilgenommen haben - an dieser Stelle ganz lieben Dank für die wunderbare Beteiligung!

Mit Systemen sind alle Systeme gemeint – allen voran auch das menschliche, urpersönliche System. Sätze wie „das haben wir immer schon so gemacht" oder „das hat sich bewährt, darum bleiben wir dabei" sind nicht mehr so salonfähig wie auch schon. Vielmehr müssten wir, wenn wir alle Entwicklungen und technischen Errungenschaften der vergangenen Jahre in der westlichen Welt beobachten, von einer Innovationsgesellschaft sprechen. Ist das wirklich so? Haben sich Denken und Haltung der Menschen in ebendieser Hemisphäre denn massgeblich verändert? Waren und sind es nicht lediglich Anpassungen und Entwicklungen technischer, wirtschaftlicher oder theoretischer Art? Sieht sich der Mensch noch in der Lage, mit diesen sogenannten Entwicklungen Schritt zu halten? Bleibt da bei all den Forderungen nach Innovation und Entwicklung nicht etwas auf der Strecke? Fühle ich mich von mir selbst oder von anderen noch verstanden?

 

Jeder Mensch ist kreativ! Die einen glauben mehr daran, die anderen (leider) weniger. „Jeder Mensch ist ein Künstler." Als der Kunsttheoretiker und Professor Joseph Beuys, einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, das sagte, wusste noch niemand von den jüngsten Entdeckungen der Hirnforschung. Was führte diese Aussage zu Diskussionen in der Kunstwelt! „Kann doch nicht sein" oder „dann sind wir als Künstler gar nicht mehr so einzigartig" und ähnliches war zu vernehmen. Heute gilt der Satz als unumstösslich und fraglos. Nicht nur, aber auch Dank der Neurobiologie gilt er als bewiesen.

 

Der Mensch mit all seinen Selbstzweifeln und inneren Kritikern ist nur ungern bereit zu glauben, was er weiss bzw. wissen kann. Angenommen, wir würden das glauben, wir liessen zu, dass diese Aussage in unserem System zu einem weiteren, persönlichen Glaubenssatz (im soziologischen Sinne) avancieren würde – was könnte dies dann bedeuten? Könnten wir uns noch glaubwürdig hinter Behauptungen wie „ich bin halt nicht kreativ" oder „ich habe keine Ideen" verstecken? Vielleicht müssten wir dann ein wenig offener sein und sagen: „Ich mag nicht" oder „das ist mir im Moment zu anstrengend". Unter diesem Aspekt ist es mehr als verständlich, dass bereits der Begriff Innovation bei vielen Menschen zu Stresspusteln führt. In der Zwischenzeit drehen unsere Gehirne Däumchen und sind ein bisschen beleidigt, dass da immer wieder diese Selbstzweifel die Kontrolle übernehmen und das restliche Potenzial aller anderen grauen Zellen schlicht ignorieren.

 

Da kommt es dem Hirn so richtig gelegen, dass es auch Zeiten gibt, zum Beispiel zwischen den Wach- und Schlafzuständen, die sich der bewussten Gedankenkontrolle entziehen. In den fittesten Momenten des Tages sind wir meist ziemlich analytisch und fokussiert unterwegs, was für die Bewältigung der täglichen Arbeiten und Aufgaben durchaus Sinn macht und oft unabdingbar ist. Nur haben in diesen Momenten neue Ideen oder „quere" Gedanken kaum eine Chance. Wenn sich dann langsam die Müdigkeit einschleicht und die Konzentration nachlässt, steigt bei den meisten Menschen die Bereitschaft, sich ablenken zu lassen und auch unwichtig erscheinende Informationen aufzunehmen. Je grösser der Blick- und Hörwinkel, desto mehr Vielfalt kann verarbeitet und entsprechend neu im Hirn assoziiert werden. Der Interpretationsspielraum weitet sich aus: Der „Türsteher Fokus-Analytikus" macht ein Nickerchen, lässt auch Informatiönchen ohne Eintrittskarten durch und gibt diesen die Chance, andere, bereits vorhandene kennenzulernen und sich mit ihnen auszutauschen. Ein neues Netzwerk entsteht, neue Kontakte werden geknüpft und das „Fest" im Kopf kann starten. Allerdings sollte der Türsteher nach dem Aufwachen nicht sofort für Ruhe und Ordnung sorgen, sondern den Feiernden mit Gelassenheit begegnen. Wenn da nicht immer auch die Wachhunde „Selbstkritik und Selbstzweifel" wären!

 

Gebt euren Assoziationen und Einfällen eine Chance und euch selbst die Gelegenheit, Gedanken, Informatiönchen und „quere" Ideen am Wachpersonal vorbeischlüpfen zu lassen – nicht weil ihr müsst, sondern vielmehr weil es Spass macht und die Begeisterung weckt! Bei welchen Gelegenheiten habt ihr die überraschendsten Ideen? Wann und wie schafft ihr es, das Wachpersonal vorübergehend ausser Gefecht zu setzen? Ich freue mich auf eure Antworten J und wünsche euch allen ein wunderbares neues Jahr, durchwirkt von vielen Momenten, in welchen die Türsteher und Wachhunde öfters mal zur Ruhe kommen.

 

Til Margraf

Projektleiter Innovation und Prozesse

des Heilsarmee Sozialwerks

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Kommentare: 1
  • #1

    Marco Innocente (Dienstag, 13 Februar 2018 18:36)

    Der Begriff "Innovation" wird oft mit grossen, umwälzenden Neuerungen in Verbindung gebracht. Das schüchtert ein und der Türsteher verunmöglicht damit ein Denken im Alltag, das geprägt ist durch Veränderung, Flexibilität, Dynamik, Neugierde, "mal anders als Gewohnt". Das ist Innovation!

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